Rezension: Urs Widmer – „Liebesnacht“

Unter dem Schein einer Lampe sitzt eine kleine Gesellschaft im Elsass. Egon, ein alter Freund des Ich-Erzählers ist zu Besuch gekommen und das verspricht eine durchzechte Nacht. Tatsächlich wird auch nicht geschlafen, denn die Unterhaltung erstreckt sich nicht nur über das ganze Buch, sondern auch über die nächtlichen Stunden der Versammelten. Prahlt Weltenbummler Egon anfangs noch mit einer Geliebten in jedem Land der Erde, wenden sich die Freunde in erlebter Rede immer inniger den bewegenden Liebesgeschichten ihres Lebens zu und begeben sich in einer Diskussion über Eifersucht, Freiheit und leidenschaftlicher Notwendigkeit auf die Suche nach Glück. Ein literarisches Spiegelkabinett, das erfahrungsgetragen wechselseitig in innerer und äußerer Betrachtung die paradoxen Eigenheiten menschlichen Fühlens reflektiert. Widmer versteht es, in dieser wohlkomponierten Erzählung durch schwungvolle, poetische Sprache und eleganten, einfühlsamen Erzählstil, den höchsten Gefühlsschwindel der Liebe im Terrain zwischenmenschlicher Beziehungen zu verankern. „Gleichzeitig klopften unsere Herzen sehr ruhig, denn die Erde drehte sich in einem Tempo, mit dem es sich leben ließ.“ Und doch begibt sich der Leser zusammen mit den Protagonisten auf ein fast weltfremdes Traumwandeln, das zeigt: Liebe ist nie alltäglich.