Rezension: Siegfried Lenz – „Schweigeminute“

Ein Foto der bei einem Segelunfall tödlich verunglückten Lehrerin Stella steht auf dem Podium der großen Aula. Die Schule hat sich zur Schweigeminute zusammengefunden. Unter den Schülern ist auch der 18-jährige Christian. Stellas Bild vor Augen, erinnert er sich an ihre erste Begegnung und an die darauf folgende gemeinsame Zeit. 

„Bevor sie ausstieg, küsste sie mich noch einmal, und vor der Haustür winkte sie mir zu, nicht flüchtig, nicht beiläufig, sondern langsam und so, als sollte ich mich abfinden mit dieser Trennung. Vielleicht wollte sie mich auch trösten.“

Siegfried Lenz, Schweigeminute

Aus Christians Erinnerungen webt Siegfried Lenz in dieser Novelle feinfühlig, sanft und unaufdringlich die Geschichte einer zarten Liebe, die, kaum begonnen, schon ein jähes Ende findet. Im Wechsel aus indirekter und direkter Rede nimmt Christian in Gedanken Abschied von Stella und einer Zukunft, die es nie geben wird. In respektvoller Distanz nähert sich Lenz an die Geschichte der Liebenden und auch an die Jahrzehnte nach dem Krieg, in die er seine Novelle bettet. Scheinen hier die Sommertage noch lang und das Leben einfach, zeichnet sich doch langsam ein Ende alter Lebensweisheiten ab. Und so ist es keine rein melancholische Geschichte um einer verlorene Liebe, sondern viel mehr auch eine Erzählung über die Sehnsucht nach Dauer. Was bleibt ist das Leben – unverwüstliche Kraft wie der Wind und die Wellen des Meeres vor den Ufern des kleinen Hafenorts an der norddeutschen Küste. Unberechenbar die rauen Elemente – wir müssen uns ihnen in eben jener respektvollen Distanz stellen. Und nach dem Sturm, der auf dem Wasser peitscht, muss das Leben weitergehen.