Rezension: Isabelle Miniére – „Ein ganz normales Paar“

Benjamin und Béatrice gehen Möbel kaufen. Béatrice wuselt zwischen den Ausstellungsstücken umher, Benjamin erzählt die Geschichte dieses Romans. Ein Couchtisch sorgt für die plötzliche Erkenntnis – diese Ehe hat keinen Sinn. Der Tisch nicht sein Stil, genauso wenig wie die Beziehung mit der vermeintlichen Traumfrau. Mit unbestechlichem Blick beschreibt Miniére durch die Augen Benjamins diese große dumpfe Leere, die fortan in seiner Brust schwelt, ihn unfähig macht, eine Entscheidung zu treffen. Die Ehe und sein vermeintlicher Lebenstraum entpuppen sich als Benjamins goldener Käfig. Hier herrscht Béatrice: ihr Wort hat Gewicht, seines verpufft in der Handbewegung, mit der sie jedes Aufbegehren beiseite fegt. Leise bewegt er sich im Schatten seiner Partnerin, erträgt um der geliebten gemeinsamen Tochter Willen ihre erdrückende Dominanz. Inhaltloses Gerüst einer Beziehung, der zunehmend die Substanz weg bröckelt, Ausbruch unmöglich.

„Ich fühle mich so leer … Nur noch eine Hülle, nur noch Staffage, aber im tiefsten Innern, hinter den Kulissen, ist nichts. Nicht mehr. Ohne es gemerkt zu haben, bin ich irgendwo auf der Strecke geblieben.“

Es ist ein nachdenkliches und trauriges Buch, das Benjamin in seiner Zerrissenheit portraitiert, den Weg aus seinem Dilemma suchend, an der Liebe zweifelnd. Auf Momente der Rebellion folgt sogleich der Rückzug aus Angst vor den Folgen des Ausbrechens. Was am Ende bleibt, ist Resignation, dumpfes Pochen in der mutlosen Brust. Wird er jemals wieder er selbst sein? Miniére unternimmt hier eine spannende Umkehrung. Es ist nicht die schwache Frau, die unterjocht von der Stärke des Mannes ein ums andere Mal einknickt und sich schließlich aus Liebe zum Kind resigniert abfindet, eine leere Hülle das beengte Leben ertragend aus Angst vor Veränderung. Hier erträgt ein Mann die desaströse Ehe, die jedes offene Wort versagt, ihn zunehmend in die Enge treibt, und wirft ein Licht auf ein Phänomen, das oft verschwiegen wird: die Einsamkeit eines Liebenden. Mit einfühlsamer Empathie und feinsinnigem Witz zeichnet die Autorin ein melancholisches Bild um eine leise Wahrheit. Liebe bedeutet, den anderen sein zu lassen, wie er ist. Sie bedeutet Respekt und Rücksicht, Anerkennung, Nähe und Auseinandersetzung. Eine alte Erkenntnis, die hier in ein wunderschönes Buch geschnürt wurde, an dessen Ende ein scheues Licht der Hoffnung aufblitzt.

Erschienen im Diogenesverlag. [unbezahlte Werbung]