Rezension: Christian Kracht – „Faserland“

Er wird als DER Gesellschaftsroman der 90er gehandelt, als Wegbereiter der Popkultur. Ohne Zweifel, vielbeachtet war Krachts Debütroman Faserland allemal, oft kritisiert, umso heißer geliebt. Auch zu Recht?

Ein namenloser Ich-Erzähler begibt sich auf eine ziellose Reise quer durch sein Vaterland. Ob Scampi essend auf Sylt, bunte Pillen schluckend in Hamburg, die Überdosis hochwürgend in Frankfurt oder Champagner nachspülend in München – alle Städte sind nur Stationen in einer Topographie der substanzlosen Oberflächlichkeit deutscher Oberschicht. Wie ein Popsong plätschert die Melodie der Erzählung durch eine Gesellschaft im Verfallsstadium, die sich durch triviale Ästhetik, monetäre Sorglosigkeit und betonte Gleichgültigkeit definiert. Alte Freunde tauchen auf und verschwinden direkt wieder im Dunst des Drogennebels, noch bevor das Tulpenglas geleert ist. Moral verhallt im Perlwein-Rausch. Yuppie-Partys sind der einzige rote Faden auf dieser Nord-Süd-Achse, auf der Krachts Protagonist weniger wandelt als taumelt, sich willenlos dem Exzess ausliefernd. Ein politisch desillusioniertes ‚rich kid’, das seiner Dekadenz nicht widerstehen kann und gleichzeitig feststeckt im Versuch, in einem Meer aus Normcore, zwischen den gleichmäßigen Wogen aus Segelschuhen, Ralph Lauren Hemden und Porscheledersitzen unter die Oberfläche zu tauchen und die Möglichkeit von Freiheit zu finden. Kracht lässt seinen Antihelden treiben durch diese belanglose Welt, die ihm zwischen den Fingern zerrinnt und weckt im hedonistischen Umherirrenden eine seltsame Traurigkeit und Leere.

Kracht faselt sich durch den Querschnitt der 90er-Partyszene und malt dabei das Portrait einer Generation des Werteverfalls. Es ist eine Reise auf der Suche nach Identität, gepaart mit der Feststellung, dass diese in einer sinnentleerten Welt nicht zu finden ist. Krachts Mittel der Annährung ist die Flucht, angefangene Gedanken werden nicht zu Ende geführt, auf Reflexion und irgendeine Art von Erkenntnis wird vollständig verzichtet. Die Zusammenhänge erhalten zunehmend dadaistische Züge und zerfließen im Sinnvakuum der westlichen Welt. Und so fügt sich alles in ein Bild des Ekels, das schonungslos den Stillstand einer teilnahmslos gewordenen Gesellschaft bilanziert. Sicher kein Buch, das ich zwei Mal lese, aber lesenswert finde ich es allemal.

Ursprünglich erschienen im Kiepenheuer&Witsch Verlag, in dieser Ausgabe erschienen im Fischer Taschenbuch Verlag.