Begegnung an ‚dritten Orten‘ – die Bibliothek

Kippt das Monopol, das Bibliotheken jahrhundertelang innehatten, auf den festen Säulen des Wissensspeichers und kulturellen Gedächtnisses stehend? Klar, wer schnell eine Information braucht, der findet sie ruckzuck im Internet: die Schleusenwärter im digitalen Meer aus Daten öffnen rund um die Uhr bereitwillig ihre Tore, zumindest einen Algorithmen-Spaltbreit. Suchmaschinen lotsen uns auf unserem Kurs, der fast zwanghaft versucht, Irrelevantes im Rankingmechanismus zu umschiffen, das SEO-Steuer erleichtert die Navigation. Was sind da schon Bibliotheken mit begrenztem Regalplatz, denen es inzwischen sogar am Reiz der Opulenz historischer Lesesäle fehlt?!

– Unverzichtbar!

Obwohl meist in Zweckarchitektur hausend, sind Bibliotheken Orte der Begegnung, nicht nur für Buchrücken, vor allem für Menschen. Sich anpassend an die unterschiedlichsten Bedürfnisse vom Schulungsraum über den Arbeitsplatz bis hin zum Café sind sie nicht mehr nur bloße Zugriffsmöglichkeit und Ausleihstation für analoge Bildungsträger, das Wissen der Zeit und den Spiegel der Gesellschaft – sie können ein sozialer Anker in einer Stadt sein. Die Soziologie nennt sie die ‚dritten Orte’: Inseln, die vor der Küste treiben, an der sich Arbeit und Privatleben dicht aneinanderdrängen. Als kulturelles Wissenszentrum etabliert sich die moderne Bibliothek neu, die kollaborativ den Umgang mit einer sich permanent verändernden Medienlandschaft lehren kann. Das Stöbern durch den Bestand bietet reiche Anregung, fernab der üblichen Trampelpfade, auf die uns Wikipedia schickt. Bibliotheken sind neutrale, verlässliche Orte, die einen geordneten Kontext zum einzelnen Objekt eröffnen. Hier geht es nicht nur um die Rezeption, sondern auch um die produktive Verarbeitung und geistige Auseinandersetzung. Und besteht nicht ihre Aufgabe eigentlich gerade darin, in ihren düsteren Reihen überraschend zu finden, was man gar nicht gesucht hat?

Strahov Library in Prag