Begegnung mit Kafka

„Es ist ein wenig trüb in Prag, es ist noch kein Brief gekommen, das Herz ist ein wenig schwer. Es ist zwar ganz unmöglich, dass ein Brief schon hier sein könnte, aber erkläre das dem Herzen.“ – Brief Kafkas an Milena Jesenská

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Das Wochenende habe ich in Prag verbracht. Nicht nur fängt gerade alles an zu blühen in dieser wunderschönen Stadt an der Moldau; voll bröckelnder Fassaden einst imposanter Jugendstil-Architektur. Auch ist sie ein Ort der Spurensuche, die mich durch die kleinen schmalen Gassen und später ins Kafka-Museum führt. Seine Briefe und Tagebücher dokumentieren ein Leben, das von Einsamkeit und einem tiefen Wunsch nach Reflexion geprägt scheint. Sie zeichnen einen Versuch des Durchbrechens sozialer Isolation und der Simulation lebendigen Kontakts. Den Brief an den Vater hat dieser nie gelesen, dennoch enthält er akribische Korrekturen, literarische Gestaltung und den Versuch, die richtigen Worte zu finden, um zu sagen, was nie gehört werden wird. Frei von Floskeln scheinen die Schriften eher der Gedankenordnung, Selbstvergewisserung und Erinnerung zu dienen, sogar kleine Notizen sind literarisch überformt. „I am nothing but literature and can and want to be nothing else“. Kafka lässt vor seinem Tod einen Freund versprechen, all diese Dokumente zu verbrennen, zur Veröffentlichung hatte er weder Briefe noch Tagebücher bestimmt.

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Lange habe ich keinen rechten Zugang zu Kafkas Werk finden können, unerklärlich war mir der Mythos des Unerklärlichen, der sich um ihn rankt. Seine Schriften aus Briefen und Tagebüchern eröffnen mir jedoch eine neue Sicht auf die Welt, die sich dahinter verbirgt. Er selbst betonte in seinen Korrespondenzen häufig, mit seinen Werken nichts bewirken zu wollen und so sind sie offenbar weniger ein Spiegelbild, Symbol oder Allegorie für religiöse Vorstellungen, soziale Phänomene und gesellschaftlicher Zustände. Sie scheinen vielmehr wie ein persönlicher Verarbeitungsprozess tiefer Melancholie, wie ein Kampf gegen Selbstkritik und Depression und als Versuch, einen Umgang mit dem Leben zu finden. Aus diesem Urlaub bringe ich kein neues Buch als Andenken mit – dafür aber eine neue Perspektive auf ein ganzes Lebenswerk.