Rezension: John Jay Osborn – „Liebe ist die beste Therapie“

Ein Raum, drei Menschen, vier Stühle. Mehr braucht John Jay Osborn nicht, um das Set-up für sein Buch zu bauen. Interessantes Konzept, denn ohne die Ablenkungen einer Rahmenhandlung kommt dem Gespräch, welches das getrenntlebende Ehepaar auf 284 Seiten mit seiner Therapeutin führt, ungeteilte Aufmerksamkeit zu. Leider lassen sich in diesem Scheinwerferlicht viele Schwächen auch nicht verstecken und treten umso deutlicher zutage. Osborn versucht, seinem Leser typische Kommunikationsmuster in einer Beziehung vor Augen zu führen, die oft aus einer Kette von Missverständnissen bestehen. Doch in diesem Wirrwarr aus verletzten Gefühlen, Anschuldigungen, Streit und Irrtum bleibt die Spannung auf der Strecke: allzu vorhersehbar die Entwicklung der Probleme in dieser Ehe, allzu gewollt unkonventionell die Methoden der Therapeutin, allzu konstruiert die stetige Annährung und Entfernung der Protagonisten, allzu abrupt dann das kitschige Happy End. Beide Partner verkörpern zudem angestaubte Stereotypen. Sie – die zweifache Mutter, die sich endlich ihren Traum von Selbstverwirklichung in ihrem Job an der Uni verwirklicht, teure Accessoires liebt und sich gerne mit eloquenten Männern mittleren Alters umgibt; er – der erfolgreiche, sportwagenfahrende Unternehmer, der erst lernen muss, seine Gefühle zu lesen und ihr am Ende sogar ein Bild mit einem Boot malt. Muss ich erwähnen, dass die Trennung die Folge seines Fremdgehens war? 

Fachlich kann ich mir in puncto Eheberatung keinerlei Urteil erlauben, jedoch scheint auch der Autor als Juraprofessor und Anwalt nicht vom Fach und lässt die Erzählung eher wie ein Experiment mit seinen persönlichen Erkenntnissen wirken. Auch sprachlich überzeugt Osborn bei der Schilderung dieser Probanden auf dem Weg zu ihrem reiferen Ich und Miteinander nicht unbedingt. Lieblos heruntergeschrieben und flach im Ausdruck wirken viele Passagen wie ein Spiel auf Wörterzahl – für die Feststellung, dass der Ursprung vieler zwischenmenschlicher Schwierigkeiten in fehlgeschlagener Kommunikation zu finden ist, braucht es eben eigentlich keine 300 Seiten. Dass der Leser zusätzlich mit Informationen aus der Gedankenwelt von Therapeutin Sally versorgt wird, in denen sie während eines Klientengesprächs über ihre komplizierte Beziehung zu ihrer Mutter sinniert, die sonst aber keinen weiteren Mehrwert für die Entwicklung der Geschichte haben, ist hier nur ein zusätzlich verwirrender und im Grunde unnötiger Störfaktor.

Vielleicht liegt auch eine Schwäche in der Übersetzung, die schon aus dem Originaltitel „Listen to Marriage“ ein plakatives „Liebe ist die beste Therapie“ macht. Osborn legt hier eine lange, fiktive Erzählung vor, die schnell gelesen und schnell vergessen ist. Ein Buch, das leider nicht lange im Gedächtnis bleibt und für weit weniger Aha-Momente sorgt, als erhofft.