Rezension: Vladimir Nabokov – „Maschenka“

Und über diese Straßen, die jetzt so breit sind wie glänzende schwarze Meere, zu dieser späten Stunde, da die letzte Kneipe längst zugemacht hat, läuft ein Mann aus Russland, bar der Fesseln des Schlafs, in hellseherischer Versunkenheit umher.

Es ist Lev Ganin, ehemaliger russischer Offizier der Weißgardisten, der hier des nachts durch die Gassen des Berlins der Zwanzigerjahre spaziert. Berlin – dieser pulsierende Sammelpunkt der Kulturen, in dem sich der entwurzelte und verarmte Emigrant Ganin in einer Pension wiederfindet. Seine Gedanken schweifen ab in die Erinnerung an die verlorene Jugendliebe, um die sich nun Nabokovs Erstling in einer wunderschönen Novelle rankt. 

Mit Sprachgewalt und schlichter, geradliniger Erzählkunst richtet Nabokov zunächst das Licht auf die Schicksale der Menschen, die in dieser deutschen Pension zusammengefunden haben – Lev Ganin, der Revolutionsemigrant und seine Mitbewohner, darunter ein alter russischer Dichter, auf der Durchreise nach Paris, wartend auf seine Frau, die aus der langsam zerfallenden Heimat nachkommen soll. Auf dem verblichenen Foto dieser Frau erkennt Ganin seine Jugendliebe Maschenka wieder und durchlebt in episodischen Rückblenden die Erinnerung an sie, ihre Anmut und Schönheit und an seine Jugend in dörflicher, romantischer Idylle, voller Hoffnungen und Träume.

Es war gegen drei Uhr morgens, die Stadtbahnzüge fuhren nicht mehr, und das Haus schien endlich haltgemacht zu haben. […] ‚Maschenka‘, sagte Ganin noch einmal, und er versuchte, in diese drei Silben alle Musik hineinzulegen, die früher darin mitgeklungen hatte: den Wind, das Summen der Telegraphenmasten, die Glückseligkeit und noch einen weiteren, geheimen Ton, der diesem Wort erst richtig Leben gab. Er lag auf dem Rücken und lauschte seiner Vergangenheit nach.

In bildhafter Sprache erweckt Nabokov mit unvergleichlicher Intensität die Gedanken des zwischen Nostalgie und Melancholie hin und her gerissenen Sehnsüchtigen zum Leben; formt seine Gefühlswelt malerisch und präzise zugleich nach und illustriert seine Empfindungsräume, die den Leser eine biografische Reise zu seiner ersten Liebe antreten lassen. In den Fetzen der Erinnerung spiegelt das Bild Maschenkas das russische Ideal. Ganin ist zunächst fest entschlossen, seine Geliebte zurückzuerobern, um endlich das verpasste Leben mit ihr nachzuholen. In Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit jedoch erkennt er, dass die Beziehung, entrückt von der idealisierten Erinnerung, keinen Bezug mehr zu ihm hat, so wie auch die Rückkehr in die Heimat keine Option mehr darstellt: „Außer diesem Bild gab es keine andere Maschenka; konnte es keine geben“. Er lässt seine Liebe zu Frau und Heimat in Gedanken noch einmal aufleben, um sie dann loslassen zu können. Ein schmerzhafter Abschied von zwei Sehnsuchtsorten, den Nabokov hier hinreißend mit Feingefühl und zarten Nuancen zugänglich macht und begreifen lässt: Vergangenes ist vergangen. Nun gilt es, den Blick auf das zu richten, was ist, was kommt und in Ganins Fall: gen Paris.