Rezension: Bernhard Schlink – „Olga“

Als ich das Buch zuklappe, streiche ich noch einmal über den Einband aus blauem Stoff. Es hat mich berührt und ich möchte sie noch nicht loslassen, diese starke Frau, der ich gut 80 Jahre Zeitgeschichte hindurch über die Schulter gesehen habe.

Bernhard Schlink erzählt von Olga Rinke, einem Mädchen aus armen Verhältnissen, das den anderen lieber zuschaut als mitspielt. Diese Eigenschaft wird charakteristisch für ihr Leben werden, doch zunächst wird sie nach dem Tod ihrer Eltern zur harschen Großmutter nach Pommern geholt. Dort lernt sie Herbert kennen, den Sohn eines reichen Gutsbesitzers, schließt Freundschaft mit ihm. In der Schule zeigt Olga sich begabt, möchte Lehrerin werden. Als ihr versagt wird, auf die höhere Mädchenschule zu gehen, eignet sie sich den Stoff für die Prüfung selbst an, entflieht dafür häufig der beengten Atmosphäre des Hauses ihrer Großmutter auf Wiesen und Felder. Dort trifft sie sich häufig mit Herbert, beide verlieben sich ineinander.

Es ist eine anfangs innige, zunehmend tragische Liebesgeschichte, die Schlink vor einem Panorama deutscher Historie schildert. Angefangen im Kaiserreich des späten 19. Jahrhunderts verfolge ich das Leben dieser willensstarken Protagonistin bis in die 1970er Jahre. Oft setzt sie sich gegen widrige Umstände durch und tut, was sie für richtig hält – oft hält sie jedoch auch ihre Überzeugungen zurück, ohne in den Lauf der Dinge einzugreifen. Die klare Gliederung des Romans ermöglicht dabei verschiedene Blickwinkel. Im ersten der drei Teile schreibt Schlink aus auktorialer Sicht. Olgas Liebesbeziehung zu Herbert ist von seiner Getriebenheit bestimmt. Nie hält es ihn an Ort und Stelle, immer strebt er nach der Ferne. Als deutscher Patriot meldet er sich zum Militäreinsatz in Deutsch-Südwestafrika. Seine Reise ist zugleich auch eine Flucht – vor dem Gut der Familie, das er mit einer standesgemäßen Frau an seiner Seite übernehmen soll; vor den Eltern, die seine Beziehung zu Olga ablehnen, für die oder gegen die er sich entscheiden muss, aber diese Entscheidung nicht zu treffen vermag. Diese Reise ist jedoch auch Ausdruck des seit Bismarck immer wiederkehrenden deutschen Größenwahns, welcher eines der Leitmotive des Romans darstellt. 

Er beschloss, ein Übermensch zu werden, nicht zu rasten und nicht zu ruhen, Deutschland groß zu machen und mit Deutschland groß zu werden, auch wenn es ihm Grausamkeit gegen sich und andere abverlangte. Olga fand die großen Worte hohl.

Zwei Weltkriege entspringen diesem Wahn, aber auch eine verhängnisvolle Expedition in die Arktis, zu welcher Herbert megalomanisch aufbricht; unvorbereitet und zu spät, der Wintereinbruch wird zum Verhängnis. Nach jahrelangem Warten, Bangen und Hoffen muss Olga erkennen: Er wird nicht aus dem Norden zu ihr zurückkehren. Lange ist sein Tod ihr nicht greifbar, sie schreibt weiterhin Briefe an ihn in den Norden. Als sie die Toten des ersten Weltkrieges sieht, begreift sie den Unterschied des Fern- und Todseins. Mehrfach flicht Schlink dieses Motiv in die Handlung ein, dieses fatale „Alles-zu-groß-Wollen“, das deutsche Heldentum. 

Olga steht dieser ‚deutschen Neigung’, dieser und auch späteren Zeiten voll politischer Radikalität als eine friedfertige Frau entgegen, die versucht, sich ein selbstbestimmtes, freies Leben zu erkämpfen. Sie beobachtet auf ihrem Weg die fatalen Formen von Männlichkeit – nicht nur in Herbert, dessen Größenwahn Olga sieht, aber dessen Sehnsucht nach der Weite, nach dem Übermäßigen sie gleichzeitig bewundert. Diesem Zwiespalt begegnet sie später auch noch einmal in der Beziehung zu ihrem Sohn, der für die SS arbeitet. Als redliche Frau, die den Nationalsozialismus schon instinktiv ablehnt, stellt sich ihr hier eine Schuldfrage, die auch ein wichtiges Motiv des Romans darstellt und immer verbunden ist mit inniger Liebe, die dahinter und auch oft im Gegensatz dazu steht – Olga bricht mit ihrem Sohn. Aufgrund ihrer Differenzen mit dem Regime muss sie auch die Stellung als Lehrerin aufgeben.

1945 flieht Olga in den Westen. Inzwischen ertaubt lebt sie im zweiten Teil des Buches als Näherin in einem Pfarrhaushalt in Heidelberg. Es folgt ein Perspektivwechsel – nun übernimmt der jüngste Sohn der Familie die Erzählung, welcher zu ‚Fräulein Rinke’ eine innig-freundschaftliche Beziehung pflegt, die bis zu Olgas Tod bestehen wird. Ferdinand wird von Schlink als eine Gegenfigur zu Olgas Mann und Sohn konzipiert. Er ist ein moderner Mann, friedlich, genügsam, durchschnittlich. Er wird zu ihrem Chronisten, schreibt ihre Geschichte auf, findet nach ihrem Tod Briefe, die sie nach Herberts Verschwinden in den Norden schickte.

Die Sammlung der Briefe macht den dritten Teil des Romans aus – hier ergreift nun Olga selbst das Wort. In ihren Briefen wird ihre große Sorge, ihre Sehnsucht, ihr Zorn deutlich. Sie geben den Blick frei auf das, was sie in ihrem Herzen bewegt und immer für sich behalten hat, auf ihre innerliche Zerrissenheit darüber. Sie zeichnen das Bild dieser Frau zu Ende.

Ich vermisse Dich bei allem, was wir gemeinsam gemacht haben und was ich jetzt alleine mache. […] Du bist weg, aber Du tust weh, als seist du noch da.

Es ist ein stilles Bild. Ein schnörkelloses, aber emotionales Bild des Lebens einer Frau, die den Sinn politischer Ereignisse häufig hinterfragte, nach Selbständigkeit strebte, sich nicht von Konvention beeinflussen ließ. Insofern auch ein ungewöhnliches Bild einer Frauenfigur des beginnenden 20. Jahrhunderts, in einer Generation von Frauen, die meist unter ihren Möglichkeiten lebten. Allerdings finden sich auch Merkmale dieser Generation in Olga. Sie begehrt nie gegen ihren Mann auf, akzeptiert die Umstände ihres Lebens mit ihm, in dem er so oft fehlt. Stellt ihre eigenen Bedürfnisse hinter seinen zurück, lebt ein Leben des Auf-ihn-Wartens, selbst wenn sie die Zeit des Wartens mit ihrem selbstbestimmten Leben füllt. Erst in ihren Briefen vermag sie ihre wahren Gefühle mitzuteilen, die mich emotional mehr bewegt und tiefer berührt haben, als ich es zunächst vermutete. Auch war ich betroffen über all die Verluste, Abschiede und vor allem diese bedingungslose Liebe, die immer leidenschaftlich, aber in gewisser Weise ungelebt blieb. Diese starken Emotionen werden in den Mantel einer Auseinandersetzung mit Schuld, Sühne und dem Sinn des Lebens gehüllt. 

Bis zu ihrem Tod überragt Olga aufrecht die Höhen und Tiefen ihres Lebens und regt in dieser intensiven, vielschichtigen Lektüre zum Nachdenken an: über verpasste Chancen und abgeschnittene Wege, Loyalität und Zufriedenheit, Selbstbestimmung und Selbstaufgabe, über die Schlichtheit und die Größe des Lebens, über Tragik und Glück, die oft Hand in Hand gehen und uns trotzdem nicht aufgeben lassen, zu lieben.