Rezension: Stefan Zweig – „Maria Stuart“

Im letzten Sommer las ich während meiner Schottlandreise „Maria Stuart“ von Stefan Zweig. Die perfekte Urlaubslektüre! Seit Langem zählt Zweig zu meinen Lieblingsautoren. Er verfasste in seinem Leben so manches biografische Werk. Jedes dieser Werke gründet auf akribischen Recherchen und wägt unterschiedliche Sichtweisen gegeneinander ab. Zweig versteht es brillant, historische Zusammenhänge aufzudecken. Er stellt sie dar, ohne die Ereignisse bloß aneinanderzureihen. Er beschreibt dabei nicht nur den Gegenstand einer Geschichte, sondern arbeitet tiefgreifende Charakterstudien heraus, die Kulturgeschichte und Persönlichkeiten zusammenführen. Die Lebens- und Leidensgeschichte, die er über die Schottenkönigin schreibt, ist ebenfalls eine psychologisch angelegte Roman-Biografie. Die Tragödie der Historie wandelt Zweig zu einer abenteuerlichen Kriminalgeschichte, die von politischen Intrigen und eiskaltem Kalkül erzählt.

Das von Reformation geprägte 16. Jahrhundert wird zum Schauplatz der Rivalität zweier starker Frauen: Maria Stuart und Elisabeth I liefern sich einen erbitterten Machtkampf. Der Königshof schickt die schottische Prinzessin Mary als kleines Mädchen nach Frankreich. Dort wird sie, verlobt mit dem französischen Kronprinzen, auf ihre Rolle als Königin vorbereitet. Früh trennt der Tod das Paar und Maria Stuart kehrt in ihre Heimat Schottland zurück. Schnell verfällt sie dem Schönling Henry Darnsley, den sie sodann heiratet. Doch bald nach der Hochzeit flaut die Leidenschaft ab, schlägt in Verachtung um. Es kommt zu Intrigen und Verrat am Hofe, Darnsley kommt auf mysteriöse Weise ums Leben.

Im politischen Fokus steht fortan die Auseinandersetzung mit England und seiner Königin Elisabeth I. Maria Stuart will als legitime Nachfahrin Heinrichs des VII ihren Anspruch auf den englischen Thron geltend machen. Elisabeth I gilt hingegen als illegitimer Bastard Heinrichs des VIII. In ihrem Krieg gegen den Katholizismus wird sie dennoch von mächtigen Persönlichkeiten wie dem schottischen Protestanten John Knox unterstützt, die sich gleichzeitig gegen die Schottenkönigin wenden. Mit spitzen Worten und intriganter Psychologie liefern sich beide Frauen ein erbittertes Gefecht um Macht und Religion. Elisabeth gewinnt. 1587 richtet sie die Rivalin Maria Stuart hin, nach 18 Jahren Haft.

Stefan Zweig erzählt diese Geschichte wie eine Tragödie, die aus Shakespeares Feder stammen könnte. Er stellt Maria Stuart weder als Mörderin Darnsleys noch als Märtyrerin für ihr Land dar. Vielmehr versucht er, durch psychologisches Deuten und umfangreiche Quellenkritik das Geheimnis ihres Charakters zu ergründen. Hierin liegt der Schlüssel zu Stuarts Einfluss auf die historischen Wendungen. Der Autor fasst verworrene Zusammenhänge in einem klaren Bild zusammen. Er erkennt Spieler und Gegenspieler und arbeitet die Poesie im Drama heraus. Diese Herangehensweise beeindruckte mich bereits in seinem „Bildnis eines mittleren Charakters“ über Marie Antoinette. Stefan Zweig begibt sich in dem Roman über Maria Stuart erneut auf Wahrheitssuche in einer dunklen Epoche. Er zeichnet präzise das detailreiche Bild eines Mädchens, dem vieles in ihrem Leben zufiel. Genauso das Bild einer leidenschaftlichen Frau voller Lebenslust und Energie, hoch gebildet und mit großem Stolz. Er zeigt dem Leser die Menschen hinter den politischen Rollen und die Gefühle hinter ihren Fassaden.

Was ich zusätzlich schätze, ist Zweigs einzigartig ausgefeilte, bildreiche Sprache. Er schreibt leidenschaftlich und unparteiisch zugleich. Der Autor zieht ruhig Stuarts Bahn auf dem Fluss der Geschichte nach. Daraus ergibt sich ein Roman, der mich als Leserin packt und fesselt. Ich fieberte mit, wenn das Schicksal den Protagonisten in die Hände spielte. Ich litt, wenn es im nächsten Moment daraus eine Schlinge drehte. Eine klare Empfehlung für jeden, der sich gern hintergründig mit Geschichte beschäftigt und den Nervenkitzel eines guten Krimis liebt!


Stefan Zweig: Maria Stuart. Fischer Klassik.