Kleine Reise in die Vergangenheit

Diese Geschichte schrieb ich mit 11 Jahren. Ich weiß noch, wie ich in meinem Zimmer an einem der alten, doppelten Fenster saß und nach draußen schaute, auf die Apfelbäume in unserem Garten, mir Geschichten ausdachte und die Worte aus meinen Gedanken aufs Papier fließen ließ. Ich habe als Kind viele solcher Geschichten geschrieben – diese hier ist leider eine der wenigen, die ich aufgehoben habe. Sie fühlt sich an wie ein Fragment aus einer anderen Zeit; eine Zeit, die ich manchmal sehr vermisse, weil sie so unbeschwert, frei und voller Fantasie war. Mein Leben hat mich seit dem oft an meine Grenzen gebracht. Wenn ich manchmal etwas wehmütig in die Vergangenheit blicke, erinnere ich mich gerne an ein Zitat von Sergej Jessenin, das mich immer wieder Frieden mit der Vergänglichkeit schließen und solche schwermütige Gedanken ziehen lässt:

Ich trauere nicht, ich rufe nicht, ich weine nicht – Alles verfliegt wie weisser Rauch aus Apfelgärten.

Sergej Jessenin, zitiert nach Swetlana Geier in „Die Frau mit den 5 Elefanten“

Der Mondsteinprinz

Es war das Jahr, in dem die Apfelblüten vor meinem Fenster besonders dufteten. Ich schnitt jeden Abend einen Zweig ab und stellte ihn in eine Vase an mein Bett. So schlief ich immer mit einem Hauch von Apfel ein. Als ich an diesem Morgen aufwachte, schien die Sonne in mein Zimmer. Mutter klapperte unten mit dem Frühstücksgeschirr. Ich stieg aus dem Bett und stellte mich ans Fenster, sog die frische Frühlingsluft in mich ein. Blickte auf den Rosengarten vor dem Haus hinunter, auf die Allee aus Apfelbäumen, die zur Straße hinunter führte; auf den See dahinter, dessen Wasser nachts im Mondschein immer so wunderschön glitzerte. Heute war mein Geburtstag!

Anlässlich meines besonderen Tages hatte Mutter einen besonderen Gast eingeladen. Am Nachmittag sollte meine Freundin Kaisa kommen. Ich tanzte durch das Zimmer und zog mir ein festliches Kleid über mein Untergewand, weiß mit einer goldenen Kordel. Wie jeden Morgen strich ich mit dem Finger über das kleine eingravierte Hufeisen über meiner Tür, wie um mich von meinem Zimmer zu verabschieden. Ich lächelte bei seinem Anblick und stieg die schmale Treppe in die geräumige Küche hinunter. Es gab Torte und Kakao. Ein kleines Lüftchen wehte durch das angelehnte Fenster herein, sodass sich die weiße Tischdecke in seinem Zuge leicht anhob. Nach dem Frühstück unternahm ich einen Spaziergang durch den Rosengarten, dessen Knospen noch nicht erblüht waren. Auf dem Weg zu den Ställen rief ich unserem alten Kutscher zu und half ihm, die Pferde zu füttern. Meine Hände glitten über den warmen Hals meiner Araberstute Fauna. Freundlich schnaubte sie und ich streichelte vorsichtig ihre weißen Nüstern. Der alte Kutscher brachte mir den Sattel und als wir los ritten, machte Fauna solche Freudensprünge, dass ich sie zügeln musste.

Ich lenkte sie in den Pfad, der zu dem See führte, den ich von meinem Fenster aus sehen konnte. Ich stieg ab, um eine Seerose zu pflücken, die am Uferrand wuchs und ließ das Pferd frei auf der Wiese herumtollen. Als ich vom Dorf die Glocken hörte, die die Mittagsstunde einläuteten, pfiff ich es zurück und wir ritten gemächlich zum Herrenhaus zurück. Nach dem Essen wartete meine Gouvernante bereits. Bevor mein Gast kam, musste ich an diesem Tag Französisch studieren und auch die Kräuter in unserem Kräutergarten. Doch schon schellte die große Glocke vom Portal her und wir eilten, um die Kommende in Empfang zu nehmen. Mit schwerem Knacken öffnete sich das Tor, dahinter hörte ich bereits Kaisa aufgeregt meinen Namen rufen. Wir fielen uns in die Arme und sie gab mir ein kleines Päckchen.

Wir zogen uns in die kleine Laube am Rosengarten zurück und ich öffnete vorsichtig mein Geschenk. Es war etwas kleines, hartes, in Watte eingepackt. Als ich die Watte von der Befestigung löste, rollte ein kleiner, silbergrauer Mondstein in meine Hand. Kaisa sagte, man müsse den Stein bei Vollmond ins Wasser des Sees tauchen. „Das bringt Glück!“, verriet sie mir verschmitzt lächelnd. Den Nachmittag und Abend verbrachten wir in großer Aufregung und als die Turmuhr des nachts endlich 12 schlug, zogen wir heimlich still und leise unsere Schnürschuhe an und warfen uns Mäntel über die weißen Nachtgewänder.

Wir eilten über das Gras zum See hinunter, unsere Schuhe wurden ganz feucht vom Tau. Das Wasser glitzerte im Mondschein. Ich genoß diesen Anblick einen Moment lang, dann fasste Kaisa mich bei der Hand. Wir schritten langsam zum Ufer hinunter, doch da war schon jemand. Ich stieß einen leisen Schrei aus und der Mensch am Wasser drehte sich um. Ich wollte laufen, doch Kaisa hielt mich zurück. Ein junger Mann lächelte uns entgegen, sein Haar war von silbrigem Schein: „Ich habe schon auf euch gewartet!“. Ich sah Kaisa ungläubig an, doch sie nickte mir auffordernd zu. Der Jüngling führte uns zum Ufer hinunter und als ich meinen Stein ins kühle Wasser tauchte, da verriet er: „Ich bin der Mondsteinprinz. Ich war bisher nur ein Geist, doch in dieser Nacht werde ich zum Menschen, um meine Bestimmung zu erfüllen. Du sollst mir dabei helfen. Doch an meiner Stelle muss sich ein anderer für mich opfern und selbst für immer zu einem Geist werden, bis dass er so wie ich durch ein Mondsteinmädchen erlöst werde“. „Wer tritt an deine Stelle?“, hauchte ich zaghaft und atemlos und ein Schauer lief mir über den Rücken, weil es mir plötzlich klar wurde. Ich drehte mich nach Kaisa um, doch sie war schon verschwunden.