– zappenduster –

Zappenduster. So fühlt sich der Blick ins Neue Jahr 2019 gerade an. Der erste Januar wie eine dunkle Stunde Null. Draußen regnet es und ich habe keine Vorstellung davon, was vor mir liegt. Ich schlage ein neues Kapitel auf. Eines, für das es noch kein Konzept gibt. Bisher hatte ich immer ein klares Ziel.

„Im nächsten Jahr musst du Neues lernen, viel schreiben, musst du dir Auszeiten gönnen, musst du durchhalten, einen Schlussstrich ziehen, musst du Fehler vermeiden und wenn sie nicht zu vermeiden sind, dann musst du daraus lernen, musst du glücklich sein oder zumindest so scheinen“

Ich muss, ich muss, ich muss .. muss .. muss. Und am Ende steht die Erkenntnis – all das führt nicht zum eigentlichen Glück. All die großen und kleinen Erfolge; all die Zeit und Nerven und Tränen, die ich dafür gab, zu erreichen, was ich mir einredete zu müssen – sie rinnen mir durch die Finger und nun stehe ich hier in der Nachtluft. Sehe den leuchtenden Lichtern der bunten Raketen zu, wie sie aufsteigen und in Schall und Rauch verpuffen. Auf ein Neues.

Für dieses Jahr habe ich nur einen Vorsatz: Aufhören, zu müssen. 

Ich weiß so wenig, wie noch nie zuvor, was mich erwartet. Kein Ziel, keine Richtung. Nun liegt es an mir  – soll Unsicherheit oder Freiheit meinen Kurs bestimmen? Da sind Furcht, Neugier, Verzweiflung und Mut in meinem Herzen, stehen Seite an Seite, halten sich an den Händen und können wohl nur zusammen gehen. Ich bin nicht allein, aber manchmal einsam. Geborgen und trotzdem manchmal ohne Hoffnung. Doch das Gute entsteht nur in seinen Gegensätzen. Das hat mich das vergangene Jahr 2018 gelehrt und diese Erkenntnis möchte ich mitnehmen; möchte auch meinen dunklen Momenten versöhnlich die Hand reichen. ‚Weil der Winter nur währt, damit man den Sommer sehnlicher begehrt‘. Das hat Shakespeare verstanden, und nun auch ich. 

Ich setze meinen Fuß ins zappendustere Unbekannte. Werde ich glücklich sein? Zum ersten Mal verstehe ich, dass diese Frage nicht daran gebunden ist, was ich beruflich mache oder wo ich lebe, wie viel Geld ich verdiene oder was ich mir davon kaufe. Es geht darum, dass die ersten warmen Sonnenstrahlen, die ich im Frühling auf meiner Nasenspitze werde kitzeln spüren so viel wertvoller sind und dass es so viel wichtiger ist, mich solchen Momenten hinzugeben. Momente, in denen ich an einem heißen Sommertag mit den Füßen im Rhein stehen werde und die kühle Strömung durch meine Zehen rinnt. Das Klingen unserer Weingläser, Sand auf meiner Haut und Meersalz in den Haaren. Polaroids und Kerzenlicht. Der Duft der Nacht, die Frische des Morgens, die Schwere des Abends. Alte Bekannte und neue Gesichter. Lachen und Weinen. Buntes Laub, aufgewirbelt von unseren Pirouetten im Herbststurm, knirschender Schnee und klirrende Kälte, Tannenduft. Das Leben ist ein Geschenk und das größte Wunder. Es hat verdient, dass ich das endlich sehe. Ich musst nichts, ich darf. Das ist ein Unterschied.

Werde ich glücklich sein? Ja, aber natürlich. Ich muss mich nur dazu entscheiden. Ein Schritt nach dem anderen, manchmal auch ein oder zwei zur Seite, vier zurück und dann die Drehung nicht vergessen. 5, 6, 7, 8. Dreh die Musik lauter. Aber bleib auch mal stehen und überdenke die Richtung. Vom Herz in den Bauch in den Kopf und dann raus. Mut für Überzeugungen. Mut, Unsicherheit anzunehmen, darauf einzugehen; weiterzumachen. Nicht auf alles reagieren zu müssen. Mich nicht ständig zu ermahnen. Abschiede zu akzeptieren. Groß zu träumen und klein anzufangen. Den Moment anzunehmen, ohne mir zu wünschen, ganz woanders zu sein. Genau hier bin ich richtig. Der Augenblick wird mich tragen. Nichts bedauern, barfuß weiterlaufen. Das Ganze mehr sein lassen, als die Summe seiner Augenblicke. Das Leben fest in meine Arme schließen. 

Es ist der erste Januar und hier stehe ich und sehe den leuchtenden Lichtern der Raketen zu. Auf ein Neues. Auf ein Unbekanntes. Auf die Freiheit.